Zahlreiche gewaltvolle Vertreibungen und Häuser-Zerstörungen vonseiten kurdischer Milizen in Nordsyrien laufen auf ein „Kriegsverbrechen“ hinaus, stellte die Menschenrechtsgruppe Amnesty International im Rahmen eines Reports am Dienstag fest.

Die Gruppe teilte mit, dass eine Untersuchungsmission 14 Städte und Dörfer im Norden und Nordosten von Syrien entdeckte, bei denen von kurdischen Milizen ausgelöste „Vertreibungswellen und Häuserzerstörungen“ dokumentiert werden konnten, die hochgerechnet ihrem Verständnis nach Kriegsverbrechen gleichkommen.

„Durch den bewussten Abriss von Häusern, die Zivilisten gehören – in einigen Fällen wurden ganze Dörfer niedergebrannt, ihre Bewohner wurden dadurch ohne militärische Rechtfertigung verdrängt -, hat die [kurdische]Selbstverwaltung ihre Autorität missbraucht, was einer dreisten Missachtung des humanitären Völkerrechts gleichkommt“, konstatierte Lama Fakih, eine hochrangige Amnesty-Krisenberaterin.

Nachdem sich die syrische Regierung 2012 aus den mehrheitlich kurdischen Gebieten im Nordosten des Landes zurückgezogen hatte, haben kurdische Milizen das Vakuum ausgefüllt. Die sogenannten „Kurdischen Selbstverteidigungskräfte“ (YPG) und die Asayisch-Polizei kämpften fortan gegen den selbsternannten „Islamischen Staat“.

Bewohner der Provinz Rakka im Norden und nordöstlich der Stadt al-Hasaka, die von Amnesty International interviewt wurden, haben berichtet, dass die YPG den Kampf gegen den IS immer wieder als Vorwand ausnutzte, um Massenzerstörungen durchzuführen.

Amnesty verifizierte, dass die Zerstörungen, die untersucht wurden, keine Folge von Kämpfen, die stattfanden, waren, sondern Teil „einer bewussten und koordinierten Kampagne kollektiver Bestrafung der Zivilbevölkerung in Gegenden war, die zuvor vom IS eingenommen worden waren“.

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„Sie zogen uns aus unseren Häusern und begannen mit der Verbrennung der Häuser […] Sie brachten Bulldozer heran […] Sie rissen Haus nach Haus ab, bis das ganze Dorf zerstört wurde“, sagte ein Bewohner des nordöstlichen Dorfes Husseiniya.

Amnesty unterstrich seine Unterstellungen mittels Satellitenbilder des Dorfes, welche beweisen sollen, dass fast 94 Prozent von Husseiniya zerstört wurde.

In Dörfern der Provinz Rakka, wo der IS in der gleichnamigen Provinzhauptstadt seine selbsternannte Hauptstadt unterhält, sagten einige Bewohner gegenüber Amnesty International, dass YPG-Kämpfer in befreite Dörfer gingen und die Anwohner beschuldigten, Unterstützer des IS zu sein. Sollten sie ihre Dörfer nicht verlassen, dann würden sie umgebracht.

Andere berichteten, dass die YPG drohte, Luftschläge der US-geführten Anti-IS-Koalition anzufordern, wenn diese ihre Häuser nicht evakuieren.

„Sie sagten uns, wir müssen den Ort verlassen oder sie teilen der US-Koalition mit, dass wir Terroristen sind und ihre Flugzeuge würden uns sowie unsere Familien bombardieren“, sagte ein anderer Bewohner mit dem Namen Safwan.

Syrisch-kurdische Milizen beantworten die Unterstellungen mit kurzfristigen „Isolationsmaßnahmen“, um die Zivilbevölkerung von Kämpfen in der Nähe zu schützen.

Amnesty hingegen scheint genau diesen Umstand nicht bezeugen zu können. Dörfer wurden „isoliert“, ohne dass sich Kämpfe in der Nähe dieser ereigneten.

„Die [kurdische]Selbstverwaltung muss unverzüglich mit der unrechtmäßigen Zerstörung von zivilen Häusern aufhören, für die Kompensation aufkommen, rechtswidrige Zwangsumsiedlungen von Zivilisten einstellen und sie zurückkehren lassen“, forderte Fakih ein.